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galaad.jpg Fortschritt im Laufschritt
Zweites Kapitel der Geschichte von Galaad, geschrieben von seinem Vater Fabian v. Berlepsch.
Das erste Kapitel dieser Geschichte ist im Fach "Dokumentation" unter verschiedene Dokumente verfügbar.

Plötzlich zu erfahren, dass das eigene Kind taub wurde, ist ein Schock den man als Außenstehender nur schwer nachvollziehen kann. Es ist, als wäre das junge Leben verurteilt, denn wie alle Behinderungen beeinflusst die Taubheit das gesamte Leben: Freunde, Spielen, Lernen, Beruf - überall gehört Kommunikation zu den wichtigsten Voraussetzungen. Was wird aus unserem Sohn?
Nur die Eltern, die diese bittere Erfahrung gemacht haben können sich vorstellen was es bedeutet, wenn man eines Tages das eigene Kind "Katze" (frz. chat) rufen hört. Dieses Geschenk lässt sich nicht in Worte fassen, es ist, als wäre etwas Unmögliches möglich geworden und man dankt dem Schicksal, das man eine neue Chance bekam…
Seit eineinhalb Jahren ist Galaad mit einem künstlichen Gehör versehen und seit etwa sechs Monaten nutzt er seine und die Sprache anderer, um mit der Umwelt zu kommunizieren. Wer hätte gedacht, dass eine anfangs so dunkle Geschichte zu solch einem Erfolg werden würde?

 

Cochlea-Implantat - wird die Hoffnung erfüllt?
Die erste Frage, die aufkommt, sobald das Implantat integriert und die ersten Impulse auf den Hörnerv übertragen werden ist: Wie gut hört mein Kind? Und gleich die nächste Frage: Was kann ich tun, damit sein Verständnis und seine Sprache möglichst optimal entwickelt werden?
Wie gut das Kind hört, ist sehr schwer zu sagen, da die Hörqualität von vielen die Übertragung der Impulse erschwerenden Faktoren wie z.B. Verknöcherungen abhängig ist. Selbst in den besten Fällen braucht es mehrere Monate bis das Kind auf Hörreize merklich reagiert und in unserem Fall über ein Jahr, bis es tatsächlich Gebrauch von diesem künstlich wiedererweckten Sinn macht.
Galaad begann mit leichten Reaktionen, die eher darauf hinwiesen, dass ein Geräusch ihn erschreck-te, statt Interesse dafür zu zeigen. So krabbelte er z.B. schnell auf unseren Schoß, sobald jemand die Treppe zum Zimmer heraufkam. Es scheint, dass er fast 10 Monate brauchte, um die Hörwahrnehmungen als informativ zu erkennen. Eine Zeit, die uns Eltern fast entmutigend lang erschien. Das einzige, was uns Mut gab - und deswegen dieser Erfahrungsbericht für andere Eltern - waren die Erfolge anderer Kinder.
Die Frage, wie gut unser Sohn hörte, blieb für uns lange Zeit ohne jegliche konkrete Antwort. Zwar reagierte er, dies sagte aber nichts über die Präzision seiner Wahrnehmungen aus. Erst seit einigen Monaten haben wir diesbezüglich gewisse Sicherheiten. Und zwar durch die Tatsache, dass Galaad seine Aussprache spontan verbessert. Diese Entwicklung, die sich ohne logopädische Unterstützung tut, zeigt uns, dass er z.B. zwischen einem P und einem T zu unterscheiden lernt.

Auto !


Erst etwa ein Jahr nach der Anpassung des CIs begann Galaad mit seinen ersten Ausdrücken. Es dauerte nicht lange und er begann seine eigenen Worte zu finden und wehe dem, der diese nicht verstand… Doch erstaunlicherweise dauerte diese "egozentrische" Phase nicht sehr lange an. Schon bald ging er auf den Wortschatz seines Umfeldes ein und imitierte zuerst einfache Silben und schon bald mehrsilbige Worte. Natürlich verschluckte er die nasalen, labialen und dentalen Laute, aber der Grundstein für ein einfaches Verständnis war gelegt und sein Interesse nahm zu.
Doch immer noch bekamen wir keine Antwort auf die Frage der Hörqualität, denn alles, was Galaad imitierte, gehörte zu den einfachen Lauten, also Vokalen. Man sagte uns stets, dass man an das Kind keine zu hohen Ansprüche stellen solle, doch ich denke, dass genau diese Ansprüche ein wichtiger Motor sind. Ohne ein ständiges, gutherziges und geduldiges Fordern des Kindes würde ihm die Orien-tierung fehlen, die ihn dazu bringt, aktiv an seinem Gehör zu arbeiten. Es ist dieses ständige und kreative Fordern, dass Galaad dazu führte, uns eines Tages stolz zu verkünden, dass er zum "AUTO" wolle. Über mehrere Wochen sprach Galaad von seinem "AUPO" und schaffte es nicht, das T auszusprechen. Doch plötzlich, etwa eineinhalb Jahre nach der Anpassung, brachte er es über die Lippen. Die feine Unterscheidung zwischen auPo und auTo ist für uns heute der Beweis, dass das CI eine sehr zufrieden stellende Hörqualität erbringen kann. Natürlich kommen hierzu individuelle Schwierig-keiten, wie z.B. eine geistige Behinderung oder wie in unserem Fall eine Verknöcherung der Gehör-schnecke, aber die Grundvoraussetzungen sind hervorragend.
Seither sind wir uns bewusst, dass Galaad mit der Lösung des CIs weitaus mehr als nur ein Wahr-nehmen von Geräuschen erwarten kann. Dieses Bewusstsein führte bei uns Eltern zu einer allgemeinen Beruhigung, einem Vertrauen in die Zukunft, das uns ermöglichte, von nun an mit mehr Gelassenheit an die Sache heranzugehen. Statt mit der Beklommenheit zu leben, dass unser Kind in den kommenden Jahren mit großen Schwierigkeiten im Kontakt mit seinem Umfeld leben müsse, wissen wir jetzt, dass er eine normale Laufbahn einschlagen kann. Was hätten wir uns Schöneres wünschen können?

Die aktive Unterstützung


Als wir zum ersten Mal mit der französischen Logopädin sprachen, erklärte uns diese, dass die Rolle der Eltern nicht in das Gebiet der Logopädie hineinreichen darf. Dies wäre die Rolle der Spezialisten, während die Eltern ihre Elternrolle spielen sollten. Persönlich widerspreche ich entschieden dieser Vorgehensweise. Eine logopädische Unterstützung von Seiten der Eltern ist meiner Meinung nach die effizienteste Lösung, da sie ständig und im Alltag geschieht.
Man antwortete mir darauf, dass Konflikte zwischen Eltern und dem Kind die logopädische Entwick-lung erschweren würden. Nehmen wir zum Vergleich die Schule: selbstverständlich wird ein Konflikt mit den Eltern das Kind blockieren und dazu führen, dass auf lange Sicht die schulischen Resultate darunter leiden. Genauso werden aber diese Resultate durch eine positive, fordernde Unterstützung von den Eltern verbessert. Warum sollte die Logopädie eine Ausnahme bilden?
Wir gehen also davon aus, dass wir als Eltern die zentrale Rolle spielen müssen und dafür verantwort-lich sind, dass unser Kind vorankommt. Z.B. hatte Galaad Schwierigkeiten, das französische MANGER (essen) auszusprechen. Zwar konnte er dieses Wort schon seit längerem auf Deutsch aussprechen (Biespiel), aber die beiden Silben der französischen Form zu kombinieren, fiel ihm sehr schwer. Folgendermaßen haben wir uns der Sache angenommen:
Zuerst einmal ist die häufige und deutliche Wiederholung notwendig. Wenn Galaad z.B. nur GE, also die zweite Silbe, aussprach, dann vervollständigten wir mit "oui MANGER". Also positive Bestätigung + Korrektur. Nach einiger Zeit, sobald das Wort geläufig geworden war, unterstützten wir die Betonung der ersten Silbe durch Gesten. Z.B. streichelten wir bei MAN die rechte und dann bei GE die linke Wange und siehe da, schon bald sagte er GEGE. Nach einigen Tagen zeigten wir ihm, dass GEGE nicht richtig sei und korrigierten ihn. Also "positive" Verneinung + Korrektur. Dies ist ein heikler Moment, da Galaad entdeckte, dass wir Wert darauf legten, dass er das Wort richtig ausspricht, und natürlich wurde das sofort ausgenutzt, um die Eltern an der Nase herumzuführen. Das ist auch nicht schlimm, im Gegenteil, wir haben dann mit ihm gespielt und er lachte sich darüber tot, dass wir nicht zufrieden waren. Und plötzlich kam es über seine Lippen MANGER. Später ging er aus Trotz ab und zu wieder zurück auf GEGE. Wir haben uns entschlossen, keine Systematik anzuwenden, manchmal bestehen wir darauf, dass er sich korrigiert und manchmal lassen wir ihn "gewinnen", so dass sein Behauptungsgeist nicht gebrochen wird.

Hifi, aber kein Stereo


Zwar verfügt unser Junge heute über ein erstaunlich präzises Gehör, aber eines wird im fehlen: die Ortung. Galaad wurde nur auf einem Ohr operiert und kann daher die Richtung der Schallwellen nicht bestimmen. Jedes Mal wenn jemand seinen Namen ruft, dann schaut er zwar auf, muss aber erst auf die Lippen aller umstehenden Personen sehen, um zu wissen, wer ihn gerufen hat. Wahrscheinlich wird er mit der Zeit die unterschiedlichen Stimmen besser unterscheiden lernen, doch wird es niemals möglich sein, die Richtung eines Klanges wie mit dem Stereoeffekt zweier Ohren zu orten. Zwar hätten wir auch das zweite Ohr operieren lassen können, doch haben wir uns entschlossen, dieses für den Fortschritt der Zukunft unberührt zu lassen - denn wer weiß, was die Forschung in ein paar Jahren bringen wird?
Wir sind sehr gespannt zu beobachten, wie Galaad dieses Manko ersetzen wird und werden davon zu gegebener Zeit berichten.

Zwei Sprachen, wird das gehen ?


Ermutigt durch die Unterstützung von Dr. Bertram, dem hervorragenden Leiter des CIC in Hannover, haben wir uns entschlossen Galaad zweisprachig aufzuziehen. Zu diesem Zeitpunkt kann man noch nicht sagen, ob diese doch etwas waghalsige Entscheidung von Erfolg gekrönt sein wird. Tatsache ist, dass Galaad schon ein paar Wort in beiden Sprachen beherrscht, z.B. ESSEN / MANGER, wobei er diese allerdings noch nicht nach der Sprache seines Gesprächspartner auswählt, was dazu führt, dass auch seine Mitmenschen zweisprachig verstehen müssen, da er den französischen Nachbarn manchmal energisch zum "ESSEN" auffordert…